Monday, May 11, 2026
Hamburg: Hafengeburtstag
Nach langer Pause hatte ich Lust, mal wieder ein paar Zeilen zu verfassen, und ich habe beschlossen, ein paar Eindrücke über meine Wahlheimat Hamburg zu teilen. Als ich vor mehr als 10 Jahren einen Fuß in die Stadt setzte, wusste ich noch nicht, dass mein Aufenthalt von Dauer sein würde. Dass ich überhaupt hier gelandet bin, hatte sich beruflich eher zufällig ergeben, und zu dem Zeitpunkt hatte ich keine langfristigen Pläne. Aber irgendwann habe ich entschieden, mich hier niederzulassen, und habe es bis heute nicht bereut. Denn Hamburg ist eine schöne Stadt.
Es gibt unheimlich viel in Hamburg, über das sich zu schreiben lohnt. Wer weiß, vielleicht verfasse ich ja aufbauend auf dem heutigen Beitrag eine größere Artikelserie. Mein Vorbild bei dieser Federführung ist der herausragende amerikanische Reiseschriftsteller Bill Bryson, der es schafft, so ziemlich jedem Ort auf der Welt etwas Komisches abzugewinnen. Zugegeben, bei der Schilderung von Hamburg hat er sich hauptsächlich auf die Reeperbahn und aufblasbare Gummipuppen beschränkt; andererseits stammt der Mann aus Iowa, da muss man gewisse Abstriche machen.
Der Anlass für den vorliegenden Artikel ist der Hafengeburtstag, der hier gerade gefeiert wird. Während ich vor meinem Laptop sitze und diese Zeilen tippe, ist ein nicht gerade kleiner Stadtteil verkehrstechnisch lahmgelegt, in Teilen abgesperrt und im Übrigen über den größten Teil des Tages hinweg völlig überlaufen. Vorhin habe ich einen Ausflug zum Ort der Festlichkeiten gemacht und bin zu meinem Leidwesen in einen Menschenstrom geraten, der sich mit einer Geschwindigkeit von ein paar Metern pro Minute bewegt hat und aus dem es kein Entkommen gab. Wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, hat sich bei mir kein feierliches Gefühl eingestellt.
Die Stadt gibt sich Mühe, doch sie übertreibt es in meinen Augen ein wenig. Jedes Jahr wird der Hafengeburtstag wie ein Jubiläum zelebriert, und das allein fühlt sich schon falsch an. Hamburg hat eine über 800-jährige Hafentradition, das ist natürlich bemerkenswert. Andererseits wird der Geburtstag historisch auf Basis einer vermeintlichen Urkunde von Kaiser Barbarossa berechnet, die sich inzwischen als Fälschung herausgestellt hat. Darüber hinaus ist es ohnehin albern, die Geschichte der Seefahrt an einem Ort wie Hamburg taggenau datieren zu wollen. Aber ich schweife ab.
Den Ortsunkundigen sei gesagt, dass der Hafen selbst - außer vielleicht für die dort tätigen Berufsgruppen - recht langweilig anzuschauen ist. Man sieht Kräne, Container, und ab und zu ein wirklich wirklich großes Schiff. Viel mehr los ist an den Landungsbrücken. Abgesehen von den Musicals am anderen Elbufer, zu denen man übersetzen kann, werden auch Rundfahrten für Touristen angepriesen; es gibt Buden mit touristischem Schnickschnack, die üblichen Schreihälse und sogar Museumsschiffe. Ein nicht unerheblicher Teil der ansässigen Population legt bereits am frühen Nachmittag eine größere Trunkenheit an den Tag, als die meisten “normalen” Menschen nach einem langen Abend des Alkoholkonsums zu erzielen imstande wären.
Als ich heute den Landungsbrücken einen Besuch abgestattet habe, stiegen von der Elbe gigantische Wasserstrahlen auf (vermutlich durch irgendwelche als Wasserspeier umfunktionierte Schiffe, das konnte ich von meinem Standort aus nicht erkennen). Dazu wurde laute Musik gespielt, es gab Feuerwerk, und unten an der Straße, welche diesen Elbabschnitt parallel begleitet, waren diverse Stände von der Art aufgereiht, wie man sie bei jeder Kirmes sieht. Eigentlich war es eine tolle Sache, wenn man sich an derlei Dingen grundsätzlich erfreuen kann.
Leider lief es letztendlich darauf hinaus, dass schlichtweg zu viele Menschen vor Ort waren. Eine regelrechte Legion von Ordnern bemühte sich, die Dinge unter Kontrolle zu halten, indem sie an kritischen Standorten per Megaphon Weisungen gab und Absperrungen verteidigte. Es gelang ihnen nicht. Es ist nämlich so, dass schon eine Handvoll Personen in einer Menge von Tausenden Chaos verursachen kann, indem sie sich beispielsweise an Knotenpunkten in den Weg stellt und beginnt, Selfies zu machen, oder eine enge Passage, die nur für eine Richtung freigegeben ist, in entgegengesetzter Richtung zu durchqueren versucht. Und wie ihr von meinen vergangenen Artikeln wissen solltet, gibt es von so veranlagten Personen in Hamburg eine beträchtliche Anzahl.
Das Feuerwerk war übrigens eher mittelmäßig. Vielleicht lag es ja an der Tageszeit, aber bei grellem Sonnenschein wirkte das Ganze ungefähr so spannend wie eine Batterie brennender Fischbrötchen, die in den Himmel geschossen wird. Danach zog eine regenbogenbunte Rauchwolke vom Wasser her aufs Land, glücklicherweise nicht in meine Richtung. Ich hatte genug gesehen und verzog mich zurück in den Teil der Stadt, welcher nicht dem Trubel geopfert wurde und trotzdem alles zu bieten hat, was man sich bei einem Spaziergang wünschen kann.
Hier ein interessanter Fakt. Hamburg hat mehr Brücken als jede andere Stadt in Europa. Angeblich sind es um die 2500 Stück (fast doppelt so viele wie Amsterdam). Nun wird in Deutschland - dem Land des chronischen Schönredens, wenn es um statistische Daten geht - auch gern mal eine Planke über ein geborstenes Rohr als Brücke angerechnet; insofern würde ich die genaue Zahl mit Vorsicht genießen. Nichtsdestoweniger sind es unbestreitbar viele. In Wirklichkeit liegen nicht nur der Hafen und die Landungsbrücken, sondern vielmehr die gesamt Stadt am Wasser.
Ich schlenderte von den Landungsbrücken in Richtung Stadtzentrum. Innerhalb einer Stunde oder so passierte ich mehr Wasserstraßen als die meisten Menschen außerhalb Hamburgs in ihrem Leben. Nicht alles, was ich sah, war uneingeschränkt beeindruckend. An einer Schleuse sah ich das Äquivalent einer Ampel sowie ein Schild “Bei Rot nicht weiterfahren”. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Schleusentore bei Rot geschlossen sind, heißt das im Klartext, die hiesigen Skipper werden darauf aufmerksam gemacht, dass sie nicht gegen eine Wand fahren sollen. Sehr instruktiv, wenn ihr mich fragt.
Es dauerte eine Weile, bis ich an der Alster angekommen war. (In Hamburg, wie in so ziemlich allen Metropolen, sind die Abstände größer, als man bei einem Blick auf die Karte denkt.) Entgegen der landläufigen Meinung handelt es sich bei der Alster um einen Fluss, nicht einen See, obwohl der Sprachgebrauch oft das letztere vermuten lässt. Genau genommen werden mit dem Begriff zwei Seen gemeint, nämlich die Binnenalster und die Außenalster. Die Binnenalster liegt im Herzen von Hamburg und ist nahezu komplett von großstädtischer Infrastruktur eingeschlossen. Die Außenalster ist zu wesentlichen Teilen von Grünanlagen und Luxusvillen gesäumt.
An der Binnenalster kommt so ziemlich jeder Besucher auf seine Kosten. Man findet hier Shopping-Gelegenheiten, Cafés und Restaurants, sogar einen Bootsverleih. Dazu gibt es auch jede Menge Bänke, auf denen man sich einfach entspannen und die Möwen und Schwäne beobachten kann. (Doch Achtung: Laut einem Gesetz von 1664 ist es verboten, einen Alsterschwan zu beleidigen!) In der Mitte der Binnenalster schießt die vor fast 40 Jahren angelegte Alsterfontäne bis zu 60 Meter hoch in die Luft, erglänzt in der Frühlingssonne und zerstäubt dann bei einem leichten Windhauch. Kurz gesagt, wer sich hier nicht wohlfühlt, hat die Welt nicht verstanden.
Als ich zu Beginn des Artikels sagte, dass Hamburg eine schöne Stadt ist, hatte ich hauptsächlich die Alster(-seen) im Sinn. Die Gegend bietet wundervolle Aussichten, und wenn ich an meinen freien Wochenenden nichts anderes zu tun habe, verbringe ich regelmäßig Zeit an den Uferpromenaden. Ich genieße es, dort zu spazieren, ins Wasser zu blicken, den Geist zu enspannen. Aber dafür brauche ich keinen Hafengeburtstag und keine pompösen Zeremonien. Die Schönheit solcher Orte spricht für sich.