Saturday, May 23, 2026

Hamburg: Aufbruch nach Altona

Anderntags habe ich mich gefragt, was die Stadt Hamburg eigentlich ausmacht. Was assoziieren die Menschen mit der Stadt Hamburg? Nun ja, wir haben den Jungfernstieg und die Alster, St. Pauli und die Reeperbahn (darauf komme ich in einem anderen Artikel zurück), den Michel und zahlreiche weitere Wahrzeichen. Wir haben ein Konzerthaus, dessen Bau ungefähr dreimal so viel Zeit und zehnmal so viel Geld wie ursprünglich geplant verschlungen hat. Wir haben zwei Fußballvereine, die aus unerfindlichen Gründen beide glauben, erstklassig zu sein. Die Menschen hier reden Plattdeutsch, essen Fischbrötchen und Labskaus, und das alles bei mehrheitlich schlechtem Wetter.

Natürlich entspricht das meiste davon nicht der Realität, zumindest wenn man es so einseitig formuliert. Die Sache mit der Elbphilharmonie stimmt (leider), das mit der Sprache beispielsweise nicht. Tatsache ist, im Großen und Ganzen sprechen die Leute hier sogar besseres Deutsch als in den meisten anderen Teilen unseres Landes - einschließlich der Region, aus der ich ursprünglich stamme. Die Darstellung der kulinarischen Situation ist, vorsichtig ausgedrückt, etwas überspitzt. Das Wetter ist mal gut und mal schlecht, aber das ist es fast überall auf der Welt. Und der Fußball… Reden wir lieber nicht darüber.

Wenn man also alle Vorurteile fallen lässt, was bleibt dann von dieser Metropole? Hamburg wird als eine Weltstadt angesehen, und das liegt hauptsächlich an seiner Rolle als Hafenstadt. Nun muss man allerdings berücksichtigen, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung nicht vorhat, irgendwann im Leben den Ozean zu bereisen. Die Containerschiffe mögen eine Menge nützliche Dinge mit sich bringen, doch schnell stellt sich die Erkenntnis ein, dass andere Städte ebenfalls Zugang zu Waren des täglichen Bedarfs haben. Die Seefahrt hat der Stadt historisch ihre Daseinsberechtigung gegeben, das ist unbestreitbar; heute ist Hamburg eine Stadt mit einem Hafen, nicht ein Hafen mit einer Stadt.

Ein geographisches Detail, das bei der obigen Betrachtung gern untergeht, ist die Tatsache, dass Hamburg zwar an der Elbe, aber nicht direkt an der Küste liegt. Hamburg ist nicht Miami, Rio oder Sydney, und echte Sandstrände gibt es sehr wenige. Flussabwärts sind es um die 100 Kilometer bis Cuxhaven und damit bis zum offenen Meer. Wir haben zwar die Infrastruktur, um mit großen Schiffen umzugehen, doch selbige müssen vorher ein ordentliches Stück Süßwasser durchqueren, bevor bei uns Personen an bzw. von Bord gehen und Güter umgeschlagen werden können.

Um mir einen genaueren Eindruck zu verschaffen, habe ich einen Spaziergang an der Elbe entlang gemacht. Das Wetter war diesmal eher mäßig. Meine Promenade begann am Baumwall (das ist im Prinzip gleich neben der Elphi) und führte zunächst zu den Landungsbrücken, die ich in meinem vorigen Artikel erwähnt hatte. Ich machte einen Bogen um die dortigen Menschenmengen - es hätte ja sein können, dass die Stadt beschließen würde, kurzfristig den nächsten Hafengeburtstag aus dem Hut zu zaubern - und wandte mich direkt dahinter wieder dem Wasser zu. Von da an ging es weiter in westlicher Richtung mit dem Ziel Altona.

Hier muss ich kurz abschweifen, um die Struktur der Stadt zu erläutern. Hamburg besteht aus sieben Bezirken, und diese sind wiederum (nach jetzigem Stand) in 104 Stadtteile untergliedert. Altona ist kein Stadtteil, sondern ein Bezirk, d.h. viel größer als es meine eben gewählte Formulierung vielleicht vermuten lässt. Das Zentrum von Altona bilden die beiden Stadtteile Altona-Altstadt und Altona-Nord, und wenn ich von Altona spreche, habe ich üblicherweise nur diesen Kern des Bezirks im Sinn. Streng genommen ist das kein sauberer begrifflicher Umgang.

Wie dem auch sei, ich marschierte drauflos und schaute, wohin mich meine Schritte führen würden. Das Elbufer gehört über einen Abschnitt von ungefähr 600 Metern (einschließlich der Landungsbrücken) zu St. Pauli, welches wiederum ein Teil des Bezirks Hamburg-Mitte ist. Gleich dahinter ist man offiziell schon in Altona. Das heißt, ich hatte nach nur wenigen Minuten mein Ziel bereits erreicht. Hierbei vollbrachte ich das Kunststück, den Alten Elbtunnel - ganz nebenbei bemerkt, auch eine nennenswerte Attraktion - in unmittelbarer Nähe zu passieren, ohne es zu merken. Stattdessen landete ich auf dem Fischmarkt.

Der Fischmarkt ist laut touristischen Webseiten eine bedeutende Institution in Hamburg. Ob ihrs glaubt oder nicht, ich habe ihn noch nie erlebt. Das liegt daran, dass er immer sonntagmorgens stattfindet - vermeintlich von 5:00 Uhr bis 9:30 Uhr, definitiv viel zu früh für gemütlich veranlagte Menschen wie mich. Und ehrlich gesagt ist mir auch kein einziger Besucher der Stadt bekannt, welcher zum Ausdruck gebracht hat, im Rahmen seines Aufenthaltes unbedingt den Fischmarkt in Augenschein nehmen zu wollen. Ob die Besucher etwas verpassen, kann ich natürlich nicht sagen; am Nachmittag ist das Fischmarkt-Areal jedenfalls einfach nur ein großer Parkplatz und folglich kein sinnvolles Besichtigungsziel.

Hinter dem Fischmarkt beginnt die Große Elbstraße. Zumindest heißt sie so, aber “Öde Elbstraße” wäre ein passenderer Name. In Sachen Vielfalt lässt die Gegend doch einiges zu wünschen übrig. Man wandert kilometerweit über ein wenig kreatives Pflaster zwischen ebenso wenig kreativen Backsteingebäuden an der Elbe entlang und versucht sich einzureden, dass eine Stadt wie Hamburg eigentlich nicht so langweilig sein kann. Auch die Aussicht auf das andere Ufer ist hoffnungslos trist. Man erblickt Kräne, Kräne und noch mehr Kräne, ab und zu Container und dann wieder Kräne. Hier und da spuckt ein Schornstein ein Rauchwölkchen aus. Es ist das perfekte Panorama für klinische Studien zu Schlaftabletten.

Plötzlich erhob sich zu meiner Linken ein Bauwerk, das in völligem Kontrast zu seinen Nachbarn stand. Es war ein Hochhaus, ein mächtiger Glasklotz. Laut meinen Recherchen handelte es sich um den “Kristall Tower”. Er hat angeblich den höchsten Außenaufzug Deutschlands und passt ungefähr so gut in die Landschaft wie eine U-Bahn-Station in die Chinesische Mauer. Vom Design her erinnerte er mich vage an Bilder vom Planeten Krypton aus den Superman-Filmen. Wie es dazu gekommen ist, dass an jener Stelle ein solches Ungetüm gebaut wurde, ist mir nicht klar; ich kann nur annehmen, dass die Alternative eine Müllverbrennungsanlage gewesen wäre.

Hinter dem Tower änderte sich das Bild ein bisschen, aber ich kann nicht behaupten, dass es ein Wandel zum Guten war. Auf dem folgendem Abschnitt grenzte ein Fischrestaurant an das nächste, und man konnte von Glück sagen, wenn man hin und wieder auf eines stieß, welches für etwas exotischere Kost wie Muscheln, Seepferdchen oder Haie warb. An den Hintereingängen parkten endlose Reihen von Kleintransportern mit Aufschriften wie “Hansa-Fisch” oder ähnlich fantasievollen Slogans. An einer Stelle verkündete ein Wegweiser, es seien nur 800 Meter bis nach St. Pauli, und der Pfeil zeigte direkt ins Wasser.

Schließlich gabelte sich die Straße. Genau genommen war sie schlicht so breit, dass die beiden Hälften als eigenständige Wege weiter geradeaus verliefen und dabei einen schmalen Bereich in der Mitte aussparten. Während die linke Seite flach blieb, stieg die rechte steil an. Auf dem Mittelstreifen stand ein Gebäude von monumentaler Hässlichkeit. Es besaß eine nahezu komplett gläserne Fassade, die in fragwürdigen Blau- und Grüntönen das spärliche Sonnenlicht reflektierte. Seine Proportionen waren absolut untragbar; es war unwesentlich breiter als ein Bus, ragte aber ein halbes Dutzend Stockwerke in den Himmel und schien in Längsrichtung kein Ende zu nehmen. Wenn man davor stand, konnte man auf beiden Seiten gleichzeitig daran vorbeischauen.

Ich nahm die Gabelung zum Anlass, dem Elbufer zu entkommen, und wählte hoffnungsvoll den rechten Pfad. Mit jedem Schritt hatte ich das Gefühl, ein besseres Leben zu beginnen. (Ich glaube nicht, dass ich bis dato viel länger als eine Stunde unterwegs war, doch es kam mir wie eine Ewigkeit vor.) Als ich oben ankam, war es um mich herum freundlich grün, der Blick auf die Elbe wirkte viel majestätischer als noch wenige Momente zuvor, und die Welt roch nicht mehr nach Fisch. Am Ende des Anstiegs machte der Weg eine Biegung. Ich folgte dem Straßenverlauf, und ein paar Sekunden später stand ich in Baden-Baden.

Selbstverständlich war ich nicht in Baden-Baden angekommen, aber der Wechsel der Szenerie war wirklich eindrucksvoll. Nur ein paar Schritte von meinem Standort entfernt befanden sich das Altonaer Rathaus und der Platz der Republik. Die Häuser waren in einem attraktiven neoklassizistischen Stil gebaut. Alles wirkte gepflegt, sorgfältig konzipiert, nicht einfach so hingeklatscht. Das äußere Erscheinungsbild der Gegend wies diverse ästhetische Merkmale auf, die man in den benachbarten Stadtteilen nicht zu kennen scheint (z.B. einen gemähten Rasen). Im Vergleich zur Elbstraße war es eine geradezu paradiesische Atmosphäre.

Hier ist ein weiterer interessanter Fakt. Altona war nicht immer ein Teil von Hamburg. Im Gegenteil, in der Vergangenheit waren Hamburg und Altona über lange Zeit hinweg konkurrierende Städte gewesen. Sie lagen regelmäßig in Clinch, hauptsächlich wenn es um Privilegien beim Fischfang und -handel ging. (Im Übrigen gehörte Altona bis Mitte des 19. Jahrhunderts zu Dänemark und danach zu Preußen, während Hamburg als “Freie und Hansestadt” eigene Wege ging.) Ob es auch heute noch vererbte Rivalitäten zwischen den Bezirken gibt, vermag ich nicht zu sagen. An diesem Nachmittag in Altona war davon jedenfalls nichts zu spüren.

Ich setzte mich in einem Parkstreifen auf eine Bank und sah einer Gruppe von Rentnern beim Boulespielen zu. Alles wirkte so friedlich. Gelegentlich kam ein Jogger vorbeigelaufen. Die Menschen grüßten einander. Obwohl ich beileibe nicht der einzige Spaziergänger war, fühlte ich mich ungestört, fast als hätte ich den Park für mich allein. Beim letzten Mal hatte ich über die ästhetischen Reize der Alster gesprochen, die man genießen kann, auch ohne die umliegenden Shopping- und Konsumoptionen in Anspruch zu nehmen; der Platz der Republik weckte bei mir ein ähnliches Gefühl. Es ist ein schöner Ort.

Als ich mich erhob und den hiesigen Bahnhof ansteuerte, wurde ich leider schlagartig wieder von der Realität eingeholt. Die Leute wuselten dort wild durcheinander, jeder auf der Suche nach seinem Gleis, und die allerwenigsten von ihnen mit einem Lächeln auf den Lippen. Den Altonaer Bahnhof hatte ich zuvor schon ein paar Male passiert, typischerweise auf dem Weg zur hiesigen IKEA-Filiale. Er ist wie die Ländungsbrücken: geschäftig, hektisch, und nicht zum Verweilen geeignet. In gewisser Weise darf das nicht überraschen. Auf vergleichsweise engem Raum leben in Hamburg fast zwei Millionen Menschen. Die Stadt hat mehr Einwohner als beispielsweise Mecklenburg-Vorkommern, ein Bundesland mit der 30-fachen Fläche. Es ist immer irgendwo etwas los, und an den wichtigen Knotenpunkten kehrt nie Ruhe ein.

Tja, so kann es in Hamburg zugehen. Eben noch in einem ruhigen Park, und dann von einer Minute auf die nächste im dichtesten Trubel - eine potentiell unerfreuliche und mitunter frustrierende Erfahrung. Aber man sollte bedenken, dass es auch in umgekehrter Richtung funktionieren kann: Man steht in einer Menschenmenge, bewegt sich ein Stück zur Seite und stößt auf ein kleines Juwel in Grün, das man unter anderen Umständen nie entdeckt hätte. Es gibt meines Wissens kaum einen Winkel in der Stadt, von dem aus man nicht in kurzer Zeit einen Punkt der Stille und der Entspannung erreichen kann.

Das ist einer der Gründe, warum ich so gern in Hamburg spazieren gehe. Hamburg ist nicht einfach nur eine Stadt. Es ist eine Vielzahl von Orten, keiner wie der andere. Man steht vor einem bedeutenden Bauwerk, vor einer Sehenswürdigkeit, oder was auch immer. Dann macht man ein paar Schritte, biegt um eine Ecke und findet sich in einem beschaulichen grünen Fleckchen wieder. Jeder der Bezirke, jeder der Stadtteile hat seine eigenen zauberhaften Momente. Und das ist etwas Wunderbares. Wann immer ich losziehe, weiß ich schon im Vorfeld, dass es nicht eintönig wird. Oder wie es Forrest Gump ausdrücken würde: Hamburg ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt.