Tuesday, October 6, 2026

Hamburg: Kostenlose Unterhaltung

Für den heutigen Beitrag muss ich ein Stück weiter ausholen. Wenn ich in die Welt blicke, stelle ich fest, wie sehr sich die Dinge um uns herum ändern. Aspekte unseres Lebens, die wir nie hinterfragt haben, die quasi in Stein gemeißelt waren, bewegen sich oder verschwinden ganz. Insbesondere fällt mir gelegentlich auf, dass berühmte Persönlichkeiten (von der Art, dass wir geglaubt haben, sie würden immer präsent sein) von uns gegangen sind. Ich muss gestehen, es fällt mir manchmal schwer, diese Entwicklung zu akzeptieren.

Im Jahr 2018 starb Stephen Hawking, einer der außergewöhnlichsten Wissenschaftler unserer Zeit. In den 1960ern wurde bei ihm eine so schwere Krankheit diagnostiziert, dass man seine restliche Lebenserwartung auf wenige Jahre geschätzt hat. Er überlebte ein weiteres halbes Jahrhundert, war den größten Teil seines Lebens in seinem gelähmten Körper gefangen und hat es dennoch geschafft, die Physik und insbesondere die Kosmologie - ein Hobby von mir - auf eine Weise zu verändern, die sich schwer in Worte fassen lässt. Fotos von ihm haben seine Persönlichkeit auf eine Weise festgehalten, dass ich nie daran dachte, er könnte irgendwann sterben.

Er gehörte zu einem kleinen Kreis von Personen aus allen möglichen Bereichen der Gesellschaft, die mein gesamtes Leben begleitet haben, und von denen ich dachte, sie würden uns auch für alle Zeiten erhalten bleiben. Kirk Douglas, Tina Turner, Hugh Hefner (bis zu seinem Tod gingen noch Fotos von ihm um die Welt, wie er die Tage im Schlafanzug und umgeben von seinen Playboy-Häschen verbrachte - so stelle ich mir übrigens den Lebensabend von Dieter Bohlen vor), Niki Lauda, Pelé und seine Erektionsstörungen, Hulk Hogan, Stan Lee. Jeder von ihnen hat auf seine Weise unsere Welt geprägt.

Und dann, Ende 2022, verließ uns Queen Elizabeth II. Plötzlich hing ein ganzer Planet auf Halbmast. Wenn wir mal ehrlich sind: Wer von uns hätte gedacht, dass der Tag kommen würde, an dem sie nicht mehr da ist? Jedes Jahr wurde sie eine Handvoll Male im Fernsehen gezeigt, typischerweise mit buntem Hut bei Pferderennen oder wenn sie vom Balkon des Buckingham-Palast ein paar Reportern zuwinkte, während ihr Nachwuchs durch exotische Eskapaden Schlagzeilen machte. Ihr Todestag, an dem die Zeitungen endlich die jahrzehntealten Nachrufe drucken durften, hat mich getroffen. Allein durch ihr Dasein hatte sie Stabilität in unsere Welt gebracht.

Warum schreibe ich das alles? In dem Viertel, in dem ich lebe, gibt es einen Obdachlosen, den ich fast jeden Tag sehe. Sein Alter finde ich schwer zu schätzen. Er könnte um die 60 sein; andererseits dachte ich das auch bereits vor 10 Jahren, als ich das erste Mal einen Fuß in diese Stadt gesetzt habe. Er sitzt immer am gleichen Platz neben einer Einkaufspassage und scheint sich nie zu verändern. Vermutlich wird er irgendwann weg sein, doch wenn ich an ihm vorbeikomme, ist mein einziger Gedanke, dass er mich überleben wird. Er wird noch die nächsten fünf Volksentscheide zur Olympia-Bewerbung hinter sich lassen, und wenn der Meeresspiegel nur lange genug steigt, wird er nasse Füße bekommen.

Obdachlosigkeit ist ein trauriges Problem, mit dem sich die meisten Städte auseinandersetzen müssen, und es ist nicht so, dass es dafür eine einfache Lösung gäbe. Unter den Unglücklichen gibt es viele, die einfach nix haben. Es gibt solche, die nicht ganz richtig im Kopf sind, und es gibt einige, auf die beides zutrifft. Manche schnorren nur verhalten; andere behelligen die Leute auf eine Weise, dass man eigentlich gegen sie vorgehen müsste. Aber womit will man ihnen drohen? Geldstrafen, Gehaltspfändungen, Gerichtsvollzieher? Ihr versteht, worauf ich hinaus will.

Im und um den Hamburger Hauptbahnhof lungern besonders viele suspekte Gestalten herum. Das sollte nicht verwundern. Immerhin kommen dort die meisten Leute vorbei, denen man ein paar Münzen abschwatzen kann. Und dass direkt neben dem Bahnhof eine zentrale Suchtberatungsstelle mit überwachten Konsumräumlichkeiten liegt, trägt sicher auch etwas zu der örtlichen sozialen Zusammensetzung bei.) Übrigens wirken nicht alle von ihnen auf den ersten Blick wie Obdachlose. Im Gegenteil; einige der Typen, welche die Mülltonnen nach Pfandgut durchforsten, tragen relativ gute Klamotten und Taschen. Manche von ihnen sehen so aus, als lebten sie in guten Verhältnissen und würden darüber hinaus Betteln im Nebenfach studieren, um ihre Urlaubskasse etwas aufzubessern.

Es gibt wie gesagt alle Arten. Neben dem Supermarkt meiner Wahl sitzt ein Typ, der immerzu redet. Er quasselt und quasselt und scheint kein Ende zu finden, obwohl ihm kein Mensch zuhört. Ich habe nie erlebt, dass er auch nur fünf Sekunden am Stück die Klappe hält (noch nicht mal um Luft zu holen). Man gewinnt den Eindruck, dass er unheimlich viel zu erzählen hat - was insofern bemerkenswert ist, als er immer bloß die Leute an sich vorbeigehen und die Autos an sich vorbeifahren sieht. Eines Tages wurde sein Stammplatz von einer Baustelle okkupiert, und er wechselte auf die andere Straßenseite. Vermutlich entstand daraus Gesprächsstoff für die nächsten acht bis zwölf Wochen.

Als ich mich in Hamburg angesiedelt habe, hatte ich am ersten Werktag meinen initialen Kontakt mit der hiesigen Obdachlosenszene. (Damals befand sich mein Arbeitsplatz direkt neben dem Hauptbahnhof, müsst ihr wissen.) Während ich am Bahnhofsgelände vorbeikam, wurde ich Zeuge, wie eine Frau von ersichtlich ausländischer Herkunft lautstark herumzeterte, dass ihr die Behörden den Pass abgenommen hätten, um sie in eine Irrenanstalt einweisen zu können. “Ursache und Wirkung”, habe ich mir gedacht und bin wortlos weitergegangen, aber der Vorfall ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.

Und das ist das Bemerkenswerte an der Sache: Die Obdachlosen sind nicht einfach nur da; manche von ihnen beglücken uns regelrecht. Wir kassieren kostenlose Unterhaltung, die uns noch lange im Kopf herumschwirrt. In der nächstgelegenen U-Bahn-Station stand mal ein junger Mann herum und bewegte seinen Körper rhythmisch im Einklang zu Melodien, die allein er in seinem Kopf hören konnte. Er war lediglich spärlich bekleidet (ein Hemd und ein Drittel einer Unterhose - ihr habt vielleicht eine Vorstellung). Und wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich auch nicht, dass er uns mit seinen “Tanzeinlagen” eine Freude machen vollte. Aber ich hatte den Rest der Woche etwas zum Nachdenken und Verdauen.

A propos verdauen. Vor ein paar Monaten trug es sich zu, dass ich an einer Bushaltestelle stand und wartete. Genauer gesagt handelte es nicht einfach nur um eine Haltestelle, sondern um einen zentralen Knotenpunkt im Osten der Stadt mit der besagten U-Bahn sowie einem halben Dutzend Bussteigen, welchen einer Statistik zufolge tagtäglich über 100000 Fahrgäste frequentieren. Nun, mitten im Berufsverkehr ließ ein Mann plötzlich seine Hose herunter und begann, an eine Mauer zu kacken. Er hatte sich auf die gegenüberliegende Seite einer Buseinfahrt gestellt, aber sich nicht die Mühe gemacht, noch um eine Hecke herumzugehen - vielleicht aus Angst, dort auf seinesgleichen zu treffen.

Jedenfalls stand er da und hielt in der einen Hand die Bekleidung seiner unteren Körperhälfte (auf eine spezifische Weise, um nicht versehentlich durch die Wirkung der Schwerkraft selbst etwas abzubekommen), in der anderen eine brennende Zigarette. Für ihn schien es das Normalste der Welt zu sein, unter Menschen zu gehen und seine Notdurft zu verrichten. Als ich dachte, er wäre fertig, drehte er sich ungeniert herum und erledigte auch noch die zweite Hälfte seines Geschäftes. Ich wollte wegsehen und schaffte es irgendwie nicht. Am Ende achtete ich sorgfältig darauf, dass er nicht in den gleichen Bus wie ich einstieg, doch vermutlich hatten andere Pendler weniger Glück.

Und jetzt frage ich euch: Wo könnte man so etwas erleben, wenn nicht inmitten einer Stadt wie Hamburg, wo der soziale Abgrund direkt an einer Bushaltestelle liegt? Was würde uns nicht alles entgehen, wenn es Armut und Obdachlosigkeit nicht gäbe? Im Alltag dürfen wir Szenen beobachten, für die Menschen andernorts Eintritt bezahlen (und zwar nicht zu knapp). Wir sollten uns glücklich schätzen - nicht nur dafür, dass wir ein komfortables Leben haben, sondern auch für die Chance, die andere Seite der Medaille zu sehen, ohne weite Wege gehen zu müssen. Die Welt hat es wirklich gut mit uns gemeint.